Alessandro Michele – Blühende Fantasie, Nostalgie und die Freiheit zu Träumen

Die Kapelle des Palazzo im Centro Storico. Griechische Amphoren auf dem riesigen Abstelltisch. Meterhohe Bücherstapel, Duftkerzen aus eigener Produktion und Zeichnungen Andy Warhols. Auf einem geschwungenen, grünen Sofa sitz der aktuelle Kreativdirektor Alessandro Michele in Samthose mit Schlag, Goldknopfblazer und abgesplitterten Nagellack.

 

Alessandro Michele ist mehr als nur Kreativdirektor von Gucci. Er ist Künstler, Exzentriker und ein Vorbild. Er vermag es wie kein Anderer politische Themen in der Mode zu verarbeiten und spricht  somit Millionen von Menschen an. Durch ihn erhält das Traditionshaus Gucci nach der Post-Ford-Ära wieder eine zeitgenössische  Perspektive. Anders als seine Vorgänger Yves Saint Laurent, Coco Chanel und Armani gibt er in der  Genderdebatte der Mode nicht der Frau die starken und dominanten Züge der Männermode. Vielmehr schenkt er den Männern die Vielfalt, Ästhetik und Exzentrik der Damenmode, welche  durch die Verbürgerlichung der Mode für die Herren verloren ging.  

Wer ist Alessandro Michele?

„Meine Entwürfe sind alle extrem persönlich. Manchmal wundert es mich, dass ich meine Ästhetik  jetzt mit so vielen Menschen teile“, so der kreative Kopf. Seine kreative Freiheit gilt es zu beschützen, er gibt wenige  Interviews und meidet den roten Teppich. Michele lebt zurückgezogen mit seinen drei Hunden Orso, Bosco, and Victor in Rom.  Er hat zudem einen Hang zum Sammeln: Bücher, Ringe oder Miniatur Porträts. Besonders  verbunden fühlt er sich zudem zu der Natur und Tieren. Dort findet er sich selbst im Einklang mit der Welt. Elemente die auch in seinen Designs in Form von Tigern, Erdbeeren und Co immer wieder aufgegriffen werden. Der Vintage liebende Freigeist findet aber auch Komfort in  Routinen. Sein Frühstück beispielsweise ist Teil einer festen Routine. Jeden Tag gibt es Toast mit  Schinken und Käse, einen Espresso und ein Glas Wasser mit Zitrone zum Frühstück. Im Sommer  ergänzt er Honig aus eigenem Anbau von seinem Landhaus zur Routine. Seine Bewunderung für Bienen wird auch immer wieder in seinen Kreationen wie beispielsweise den Princetown Loafern mit Bienenmotiv deutlich. Einen großen Einfluss nicht nur auf seine Arbeit, sondern auch auf seine Lebensweise nimmt sein Vater. Genau wie sein Vater trägt Michele sein Haar lang und vertraut bis heute auf dessen  Haarpflegeroutine. Alessandro Micheles Mutter war in der Filmindustrie tätig, sein Vater  Techniker bei der Fluggesellschaft Alitalia und zudem Künstler. Wie Michele 2016 in einem  Interview mit „The New Yorker“ berichtete, sagte sein Vater immer, „Wenn du dich von der Idee  gelöst hast, dass Zeit existiert, wirst du für immer leben.“  Ein Einfluss der auch in Alessandros Kollektionen sichtbar wird. Denn auch diese scheinen zeitlos.  Es handelt sich nicht um abgeschlossenen Themenblöcke, sondern einzelne Kapitel, welche alle  von Micheles Menschenbild des Transhumans geprägt sind.  

Seine Karriere

Der 1972 in Rom geborene Alessandro Michele studierte an der Accademia di Costume e di  Moda in Rom und wollte ursprünglich Kostümdesigner werden. Nach seinem Abschluss designte  er zunächst für Les Copains, dann für Fendi. Bereits seit 2002 ist er für Gucci tätig. Zunächst war  er nur zuständig für die Accessoires, 2006 wurde er zum Lederwaren Design Director ernannt.  Fünf Jahre später stand eine Beförderung zum Associate an, bis er schließlich zur linken Hand der  ehemaligen Kreativdirektorin Frida Giannini wurde. Seine Ernennung zum Kreativdirektor nach  Giannini`s Entlassung, die zum Schluss mit starken Verkaufseinbrüchen zu kämpfen hatte,  überraschte nicht nur die Modewelt, sondern auch Michele selbst. Bis zu seiner Ernennung im  Frühjahr 2015 arbeitete er im Hintergrund und war somit ein eher unbekannter Name. Fast  unmöglich in einer Branche, in der Namen und Status einen solch hohen Rang haben.  Durch seine langjährige Zusammenarbeit mit Gucci, kennt er das Unternehmen, und hat sich in der Vergangenheit bereits mehrfach bewiesen. “Michele ist keine Übergangslösung, sondern in der  Lage, das Unternehmen langfristig gesehen zum Erfolg zu führen”, so CEO Marco Bizzari. 

Michele und Tom Ford

Michele, der ursprünglich durch seine Zusammenarbeit mit Tom Ford bei Fendi zu Gucci kam,  unterscheidet sich in seinem Stil enorm zu Fords Porno Schick, der Gucci in den Neunzigern zum Internationalen Durchbruch verhalf. Durch den amerikanischen Tom Ford wurde das bis dahin  veraltete italienische Modehaus Gucci, das für seine qualitativ hochwertigen Lederwaren bekannt  war, zum internationalen Vorreiter. Mit seinem Porno Schick, der auf die sexuelle Lust anspielte,  sprach Tom Ford ein ganz neues, junges Cliente an und wurde somit 1994 zum ersten  Kreativdirektor ernannt.  Er war zudem auch der erste, der Handtaschen auf dem Laufsteg zeigte und stellte durch die Metrosexualität Männer als Sexobjekt dar. Ford sexualisierte somit beide Geschlechter gleichermaßen und stellte nicht wie die meisten anderen Designer Frauen als Sexobjekt dar. Frida Giannini führte, wenn auch in einer  abgeschwächten und eleganteren Form, den Porno Schick Tom Fords weiter. Ford unterscheidet sich stilistisch, sowie durch seinen amerikanischen Pragmatismus enorm von  Micheles vom Barock inspirierter Exzentrik. Dennoch haben beide eins gemeinsam. Sie brachten  das Traditionshaus durch neue Interpretationen zum Erfolg.  

Micheles Gucci

 
Er steckt Männer in Frauenkleidung und Frauen in Männerkleidung. Seine Models entsprechen  nicht dem klassischen Schönheitsideal und sind geprägt von androgynen Zügen. Somit ist es fast  unmöglich zu unterscheiden, ob es sich um ein männliches oder weibliches Model handelt. Genau das möchte Michele mit seiner Mode erreichen. Eine Klassifizierung soll es unter Michele bei Gucci zukünftig nicht mehr geben. Deshalb entschied der kreative Kopf 2017 die Männer-  und Frauenkollektion zusammenzulegen und zukünftig nur noch zwei Shows jährlich, anstatt den  herkömmlichen fünf Shows pro Jahr zu zeigen.  


„Jeder Mensch ist von Grund aus gleich und sollte deshalb in der Lage sein, sich frei zu  entfalten, ganz egal inwiefern. Eine Klassifizierung schränkt die Menschen ein, sie definiert  sie zu etwas, dass sie womöglich gar nicht sind und nimmt ihnen die Freiheit sich täglich  neu zu erfinden.“  


Michele möchte seine künstlerische Freiheit und den kreativen Prozess seiner Kollektionen nicht  durch den Druck der Modeindustrie verlieren. Zukünftig gibt es von Gucci keine fünf kommerziellen Kollektionen mehr. Stattdessen zeigt Michele eine Show alle drei bis vier Monate ohne seiner künstlerischen Freiheit Daten zu setzen. Durch lediglich zwei Kollektionen pro Jahr  erhofft er sich weniger Druck und einen Wandel in der Modebranche, auf den vor ihm schon andere  große Designer wie Yves Saint Laurent und Alexander McQueen gehofft hatten.  Seine erste Kollektion für Gucci zeigte Alessandro am 19. Januar 2015 in Mailand. Sie wurde  innerhalb von fünf Tagen geschaffen, und verwischte alle stilistischen Spuren, welche unter Gucci  zuvor vorhanden waren. Aufgrund Gianninis vorzeitigen Abschieds musste die Kollektion in kürzester Zeit gefertigt werden, und auch Models und das Set organisierte Michele in nur fünf Tagen. Ein zeitlicher Druck den Michele zukünftig vermeiden möchte.

Das Debut von Alessandros Gucci

Seine Debüt-Kollektion greift bekannte Elemente auf wie das GG Monogramm, das auf den Gründer Guccio Gucci zurückzuführen ist. Ebenso die Horsebit Loafer, welche unter Guccio Gucci 1953 als  Reitbekleidung eingeführt wurden. Anders als seine Vorgänger Tom Ford und Frida Giannini zeigt Michele keine sexuelle Lust,  sondern bringt das Traditionshaus ein Stück weit zu seinem Ursprung zurück. Qualitativ  hochwertige Lederware, Loafer, das Monogramm und der grün – rote Streifen: alles bekannte  Elemente Guccis. Fast schienen sie vergessen gegangen zu scheinen unter all der Haut, die in den vergangenen Jahren bei Gucci auf dem Laufsteg gezeigt wurde. Besonders durch die Androgynie seiner Models erregte Michele mit seiner ersten Kollektion  weltweit Aufmerksamkeit. Sein Stil ist dabei eine seltsame Mischung aus Omas Kleiderschrank  und farbenfrohem Streetstyle, der besonders auf dem asiatischen Markt großen Anklang findet.  

Der neue Weg von Gucci

Gucci verzichtet seit Frühjahr 2018 als erstes großes Traditionshaus auf tierische Pelze.  Michele schafft allerdings auch Raum Gucci neu zu erfinden. Für seine Modeschauen castet er  unkonventionelle Models, erschafft Traumwelten die an Alice im Wunderland erinnern und seine  Darstellungen bringen den Zuschauer zum Träumen. Nach den verrückten Achtzigern, der Anti  Fashion Bewegung und dem Minimalismus der Neunziger bringt Michele den imposanten,  farbenfrohen und printlastigen Barock zurück auf die Laufstege. Er belebt die italienische Mode neu und macht sie zu dem, was sie einst war. Farbenfroh und  ausgefallen. Damit steigert er nicht nur den Umsatz Guccis auf fast 9,6 Milliarden Euro im Jahr, sondern verhilft auch anderen italienischen Modehäusern wie Dolce & Gabanna oder Versace  wieder mehr Farbe zu bekennen.  

Wieso Alessandro Michele wichtig für das Modehaus ist

Sein Erfolg entstand nicht nur aus seiner Designkunst heraus, sondern auch durch das enorme  Interesse der Person Alessandro Michele.Mit seiner nostalgischen Art und seinem Sinn für Farben und Formen lädt er den Zuschauer in  unbekannte Welten ein. Dabei spielen für ihn besonders Gerüche eine wichtige Rolle. Er verbindet bestimmte Gerüche mit Erinnerungen, wie beispielsweise Maiglöckchen mit dem  Frühling in Rom. Aus dieser Grundidee heraus entstand auch sein erster Duft für Gucci 2017  „Gucci Bloom“.  

Immer mehr Aufmerksamkeit wird inzwischen auch den Laufsteg Präsentationen und Kampagnen  von Gucci gewidmet. Ob die Models täuschend echt aussehende Nachbildungen ihres eigenen  Kopfes im Arm tragen (wie bei der Herbst / Winter 2018-19 Kollektion) oder die Frühjahr / Sommer  – Kampagne 2018 von Maler Ignasi Monreal gezeichnet wird, Alessandro schreibt die Regeln der  Modewelt von Saison zu Saison neu. Er schafft es wie kein anderer mit seinen Kampagnen und Fotografien Geschichten zu erzählen  und damit neue Standards in der Fotografie zu setzen. Die Gucci Showtime – Kampagne von  Frühjahr / Sommer 2019 ist eine Nachbildung der Hollywood Musicals Ära und zeigt unter  anderem „Blondinen bevorzugt“ und „Singinʼ in the Rain“.  

Was hat Alessandro mit Gucci erreicht?

Harry Styles der nicht nur Gesicht der Tailoring Kampagne Herbst / Winter 2018 war, sondern als  lebendige Werbekampagne gilt, und die Interpretation Guccis unter Alessandro Michele verkörpert  wie kein Anderer, ist einer der vielen Stars mit denen Gucci derzeit kooperiert. Auch Jared Leto,  der als Ebenbild Micheles gilt und Gucci Mane, dessen Gesicht die Gucci Cruise Kampagne 2020  zierte, dienen als Marketingstrategie Micheles und spielen Millionen Umsätze ein. Ebenfalls spielt die Social Media Präsenz des Unternehmens eine große Rolle im wiedererlangten Erfolg des Hauses.  Mit 42 Millionen Hashtags auf Instagram liegt Gucci, nach Nike und Chanel auf Platz drei der  meist verlinkten Modemarken. Alessandro Michele schafft es Gucci in jeder Kollektion neu zu erfinden und dem Grundgedanken  trotzdem treu zu bleiben. Durch die Modernisierung der Boutiquen, einen neuen Look und vor  allem die Social Media Präsenz gelang es Gucci innerhalb kürzester Zeit junge Menschen für sich zu gewinnen.  
Dabei ist der neue Erfolg Guccis nicht allein Michele zuzuschreiben. Auch CEO Marco Bizzarri ist für die 360 Grad Wende mitverantwortlich. Guccis Zusammenarbeit mit bekannten Gesichtern und ausgefallenen Kampagnen haben das Unternehmen,  zu einem der erfolgreichen Modehäuser unserer Zeit gemacht.