Die Welt der Haute Couture

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Die französische Haute Couture wurde erfunden von – wie sollte es anders sein – einem Briten.

Die Welt der Haute Couture ist ein geheimer Kreis, der das Zusammenspiel von Schneiderkunst und Exklusivität als eine eigene Kunstform zu schätzen weiß.

Die Haute Couture ist die höchste Kunst der Mode. Feinste Handarbeit in höchster Qualität, die weltweit von einem Klientel bestehend aus geschätzt 400 Personen erworben werden kann. Jedes Teil, gefertigt im Rahmen der Couture ist ein Unikat. Wer hier mitspielt, befindet sich in der obersten Liga der Modewelt. Zu den Kunden der Schneidekunst zählen neben Prominenten auch Millionärsgattinnen sowie Erben. Darunter Susan Gutfried, Guinness Erbin, Daphne Guinness und Bloomingdale Gattin, Betsy Bloomingdale. Betsy Bloomingdale reiste kurz nach dem Zweiten Weltkrieg häufig nach Paris und kaufte viel bei Christian Dior. Denn Dior nahm zur damaligen Zeit als einziges Haus bereits Kreditkarten an. Später bekam die Ehefrau des Bloomingdale Gründers aufgrund ihres Wohnsitzes in Los Angeles Samples der Kollektionen mit beigefügten Stoffproben per Post zugesendet. Inzwischen besteht ihre Sammlung aus rund 80 Haute Couture Stücken und einem Wert von einer geschätzten halbe Millionen Dollar. Jedes Stück ist mit einer Karte verziert, die Häufigkeit und Anlass des Tragens kennzeichnet. Laut Bloomingdale sei das Geheimnis, die Stücke selten zu tragen und schließlich einem Museum zu überlassen. Denn die handgefertigten Kleidungsstücke, sind wie Judith Corrente berichtet eine “Erweiterung ihrer Kunstkollektion”, somit tragbare Kunst. 

Trotz der enormen Summen, im dreistelligen Bereich, die Kunden:innen wie Judith Corrente für die handgefertigte, tragbare Kunst zahlen, machen die Häuser mit den edlen Roben und aufwendig inszenierten Modeschauen keinen Umsatz. Vielen stellt sich somit die Frage, wofür eine solch dekadente Kunstform nützt und vor allem, wie zeitgemäß ist diese edle Form der Mode in einer Welt der schnellen und vor allem günstigen Mode?

Die Entstehung 

Der Brite, Charles Frederick Worth kam in der Mitte des 19. Jahrhunderts als Tuchhändler nach Paris. 1858 eröffnete er sein Modehaus Worth et Bobergh. Im Gegensatz zu allen anderen Schneidern der damaligen Zeit, die nur auf den Auftrag ihrer Kunden:innen hin Kleider entwarfen, fertigte Charles Frederick Worth mehrere kleine Kollektionen jährlich an. Diese zeigte er seinen Kunden:innen, getragen von seiner Frau, in seinem Salon und kreierte somit eine ganz neue Art der Mode. Schnell wurden die Kreationen des Schneiders weltbekannt und Worth zählte Kaiserin Elisabeth von Österreich und viele weitere bekannte Persönlichkeiten der damaligen Zeit zu seinen Stammkunden. Seine Kunden reisten aus der ganzen Welt an, um sich seine Modelle im House of Worth, das zeitweise 1200 Näher:innen beschäftigte, anfertigen zu lassen. Mit seiner Taktik eigene Kollektionen zu entwerfen und diese mit einem Etikett, das sein Logo enthielt, zu zieren vereinte er als erster die handwerkliche Fertigkeit der Schneiderkunst seiner Zeit mit dem gestalterischen Prozess. Um seine Popularität auch im Ausland zu verstärken, verkaufte er Lizenzen seiner Schnittmuster an ausländische Firmen. Das zu dem Zeitpunkt einzigartige Konzept des Schneiders zahlte sich aus und schnell nahmen auch andere Schneider:innen sich seiner Idee an. Darunter Jacques Doucet und Jeanne Paquin, die erste erste Modeschöpferin. 

Die Chambre Syndicale de la Haute Couture 

Nach dem Tod Worths gründete sein Sohn Gaston 1868 den Chambre Syndicale de la Couture Française, später umbenannt in den Chambre Syndicale de la Haute Couture und fasste alle Haute Couture Häuser zu einem Interessenverband zusammen. Bis heute unterliegen die Häuser schweren Auflagen und müssen sich, um in den Verband der Haute Couture aufgenommen zu werden, bei dem Vorstand der Chambre Syndicale de la Haute Couture bewerben. Nur Modehäuser, die den Kriterien des Verbandes unterliegen, dürfen zweimal jährlich auf den Haute Couture Schauen in Paris ihre Kollektionen zeigen und sich offiziell als Haute Couture Haus betiteln.
Um als Haute Couture Haus zu gelten, müssen die Modehäuser mindestens 20 fest angestellte Schneider:innen beschäftigen, die pro Modenschau mindestens 35 handgefertigte Kleidungsstücke entwerfen, die im Rahmen der Pariser Haute Couture Woche gezeigt werden. Alle gezeigten Kleidungsstücke müssen handgefertigt sein. Zudem muss es sich um Unikate handeln. Schließlich ist einer der entscheiden Gründe der Kunden:innen, die Mode zu kaufen ihre Einzigartigkeit. Ein weiteres Kriterium der  Chambre Syndicale ist die Örtlichkeit des Ateliers. Ursprünglich mussten alle Häuser ein Atelier mit Standort in Paris vorweisen können. Aufgrund der immer weiter fallenden Anzahl der Häuser wurden jedoch mildere Richtlinien eingeführt. So ist es nun auch italienischen Modehäusern wie Versace und Valentino möglich, ohne Atelier in Paris als korrespondierendes Mitglied auf der Pariser Woche seine Kollektion zu zeigen. Offiziell zählen Mitglieder wie Versace und Valentino jedoch nur als geladenes oder korrespondierendes Mitglied und sind somit keine vollwertigen Haute Couture Mitglieder. 1951 gründete Italien aus Trotz seine eigene Couture, die jedoch nie richtig Anklang fand, unter dem Begriff Alta Moda. 

Kunden und Couturiers über die Jahre

Christian Dior läutete mit seinem New Look nur zwei Jahre nach Kriegsende 1947 das goldene Zeitalter der Haute Couture ein. Die feine Schneiderkunst wurde zu einer ganz eigenen modischen Disziplin. Besonders erfolgreich neben Dior waren damals Cristobal Balenciaga, Jacques Fath und Pierre Balmain. Während in der Blütezeit der Couture, nach dem Zweiten Weltkrieg, noch 100 Mitglieder und schätzungsweise 40.000 Kunden:innen zu der Chambre Syndicale zählten, sind es heutzutage nur noch 16 „Grand Couturiers“, von denen einige sogar nur als korrespondierende Mitglieder gelten. Zu den Mitgliedern gehören Christian Dior, Givenchy, Chanel, Valentino (als korrespondierendes Mitglied) und einige weitere bekannte Modehäuser. Zeitweise schrumpfte die Anzahl der Häuser sogar auf 11  „Grand Couturiers“ und 200 Kunden:innen. In den letzten Jahren erlebte die Couture besonders durch immer mehr Kunden:innen aus dem Nahen Osten, Nordamerika und Asien einen Aufschwung. Besonders Kundinnen, mit eigenen Firmen nutzen die prunkvolle Mode, um ihre Emanzipation zu verdeutlichen. Besonders für diese Frauen ist die teure Mode eine Möglichkeit, ihren beruflichen Erfolg sowie ihre finanzielle Stabilität durch ihre Kleidung auszudrücken. Sie zählen inzwischen zu den besten Kunden:innen der teuren Mode und tragen die handgefertigten Stücke täglich im Büro. Fast wie selbstverständlich. 

Innovative  Designer

Besonders durch Raf Simons Schaffen bei den Schauen des Hauses Christian Dior wurde die praktische Couture eingeleitet. Kleider mit Taschen, Smokinghosen aus fließenden Stoffen und capeartige Mäntel machen die hohe Mode des französischen Hauses zu einzigartigen, feinen und dennoch alltagstauglichen Stücken. Dass Haute Couture schon lange nicht mehr Abendkleider, mit Pailletten, Steinen und Spitze bestickt bedeutet, sondern auch modern und innovativ sein kann, bewies Martin Margiela im Jahr 2006. Das Phantom Martin Margiela, ein Designer, dessen Gesicht bis heute nicht bekannt ist, wurde 2006 zur Haute Couture Show eingeladen. Statt wie die meisten anderen Designer prunkvolle Schneiderkunst zu zeigen, wurde einmal mehr deutlich, wieso Margiela als Ausnahmedesigner gilt. Seine Models, gecastet auf der Straße, könnten nicht vielfältiger sein als seine Kreationen. Neben Eiswürfeln in Form von Accessoires wie Ketten arbeitete der Ausnahme Designer auch mit Müll. Fast schon skandalös also, dass ein Designer aus Abfall feine Haute Couture fertigt. Verdeutlicht wurde durch Margiela, was vielen bereits bekannt war: Haute Couture muss nicht glitzernd und rosa sein, sondern sie muss heutzutage höchste Schneiderkunst und vor allem innovativ sein. 

Der Kaufprozess der edlen Mode 

Für die wenigen geladenen Gäste der Paris Modewoche zählt besonders die Einzigartigkeit Mode. Um Kleider zu tragen, die nur ein einziges Mal existieren und somit etwas ganz Besonderes sind, zahlen die Anhänger:innen der Haute Couture gerne den stolzen Preis, den die Maßanfertigungen mit sich bringen. Inzwischen gibt es auch für die Kunden einen eigenen Interessenverband, in dem die Aufnahmebedingungen fast genauso streng sind, wie auch die Namen seiner Mitglieder streng geheim gehalten werden. Am Tag nach den Modeschauen, die sich seit der Blütezeit stark verändert habe, machen die geladenen Gäste Termine bei den Häusern, dessen Kollektionen ihr Interesse geweckt haben. Die Shows der 50er Jahre fanden in Stille, auf kleinen Stühlen statt, lediglich die Stimme der Ansager:innen der Nummer der Kleidungsstücke erhellte den Raum. Zur damaligen Zeit hatten die Kunden:innen eine Auswahl aus über 100 Schauen. Bei der inzwischen stark komprimierten Anzahl der  Häuser werden persönliche Termine vergeben. Mit ausgewählten Verkaufsberatern:innen gehen die Interessenten, dessen Namen auch von den Modehäusern selbst streng geheim gehalten werden, die Kollektion durch. Wer in die Designs der Models passt, erhält einen 30 prozentigen Rabatt, da die Stücke nur noch angepasst und nicht ein weiteres Mal angefertigt werden müssen. Die ausgewählten Stücke werden danach zu den Kunden:innen geflogen und dort auf deren Maße und Ansprüche hin angepasst. Die Kleidungsstücke, die auf den Modeschauen gezeigte werden, sind dabei so gut wie nie die fertigen Stücke, die im Endeffekt im Kleiderschrank der Damen landen. 

Inwiefern profitieren die Häuser von diesem Vorgehen 

Chanel ist das einzige Haus, das etwas Profit mit den aufwendig inszenierten Kunststücken der handgefertigten  Mode macht. Für alle anderen Modehäuser dient die Haute Couture nur als Marketingstrategie. Durch das medienwirksamen Spektakel der Modeschauen wird das Interesse der Kunden geweckt. Um ein Teil dessen sein zu können, greifen die Kunden der Mittelklasse zu Accessoires wie Handtaschen oder Beautyartikel wie Parfüms und Lippenstiften. Den meisten Umsatz machen die großen Häuser inzwischen durch diese Produkte, die für jeden erschwinglich sind und einem das Gefühl vermitteln ein Teil des großen Spektakels der Modewelt zu sein. Haute Couture ist somit heutzutage gar nicht mehr auf den Verkauf, sondern vielmehr auf die Aufmerksamkeit und Medienwirksamkeit, die gezielten Marketingstrategien sowie dem Imageaufbau des Labels fokussiert. 

Die Zukunft der Haute Couture

Während der Emanzipation der Prêt-à-porter, die vor allem Yves Saint Laurent voran geführt hat, ging der Andrang an maßgefertigter Mode immer weiter zurück. Viele Haute Couture Häuser wie Yves Saint Laurent, Christian Lacroix und besonders Balenciaga stellten ihre Linien ein. Auch Versace nahm eine achtjährige Pause von der Couture, aufgrund von wirtschaftlichen Verlusten. Die Frage ist also eigentlich nicht wer Haute Couture macht – sondern wer es sich leisten kann Haute Couture zu machen. 

Profitabel ist die feine Handarbeit nämlich keineswegs. Andere Modehäuser wie beispielsweise Jean Paul Gaultier und Viktor & Rolf hingegen schlagen die entgegengesetzte Richtung ein. Aufgrund des immer größeren Andrangs der Fast Fashion, empfinden viele Modehäuser die Produktion von hochwertiger schneller Mode als nicht besonders sinnvoll und wollen ihr fachliches Geschick stattdessen in Form von hoher Schneiderkunst und Exklusivität vermarkten. Prêt-à-porter Mode bringt in der heutigen Zeit einen enormen Druck mit sich. Immer wieder müssen neue Must-have-Trends und It-Pieces kreiert werden, die keine besonders hohe Haltbarkeit haben. Zudem tendieren Kunden:innen heutzutage eher dazu Trendartikel von Fast Fashion  Anbieter zu erwerben, die stilistisch stark an die Designs der Modehäuser angelehnt sind. Das Leid der Prêt-à-porter könnte somit zur Rettung der Haute Couture werden. Die Zahl der Couture Häuser wächst wieder und die der Kunden:innen gleich mit. Auch Balenciaga zeigt nach über einem halben Jahrhundert wieder Haute Couture Mode. Unter Streetstyle Designer Demna wurde die Couture Linie des ehemals bekanntesten Couturiers Cristobal Balenciaga wieder aufgelegt. Denim nahm in Demnas Version der Balenciaga Haute Couture eine zentrale Rolle ein. Obwohl die Couture Mode der vergangenen Jahre schon alltagstauglicher wurde, traute sich bisher noch keiner an das demokratischste Kleidungsstück überhaupt ran: die Jeans. 

Zwei Aspekte waren dem Designer bei seinem Couture-Debüt besonders wichtig, die Alltagstauglichkeit und die Genderneutralität seiner Kreationen. Wie der Designer, der schon für einige Überraschungen, wie beispielsweise das gemeinsam mit seinem Bruder gegründete Label Vetements, gut war, in dem Podcast The Business of Fashion sagte, ist und bleibt Couture die ganz große Kunst der Mode. Laut Demna ist die Haute Couture die nachhaltigste Art und Weise Mode zu machen und definiert alle anderen Formen der Mode. Die Nachhaltigkeit der hochwertigen Mode ist ein immer bedeutenderer Aspekt für die Modewelt. Denn einzig bei der Haute Couture Mode werden Kleidungsstücke maßgefertigt für den Kunden:innen. Ebenfalls entstehen keine Abfälle, da alles per Hand angefertigt wird und auch unverkaufte Stücke gibt es nicht, denn nur nach Bestellung wird angefertigt. Alle geschaffenen Meisterwerke werden von den Käufern:innen über Jahrzehnte aufbewahrt, bis sie schließlich vererbt oder einem Museum überlassen werden. 

Unser Fazit

Seit Jahren wird immer wieder darüber diskutiert, ob die Haute Couture in unserer von Streetstyle und Fast Fashion geprägter Welt überhaupt noch eine Zukunft hat. Ich denke ja, denn Couture wird in einer gewissen Art und Weise immer die Modewelt bestimmen. Die Haute Couture trägt das Erbe der ganz großen Schneidekunst in sich, welches viele Liebhaber der Kunst so verzweifelt versuchen zu erhalten. Sie lädt durch imposante Modeschauen zum Träumen ein und erweckt beim Zuschauer das enorme Verlangen Teil dieser traumhaft schönen Welt zu sein. Teilweise entstehen  Schauen wie beispielsweise durch John Galliano bei Dior sogar ganz neue Welten. Welten, die uns verzaubern, zum Träumen einladen und zeigen, wozu Mode imstande ist. Die Haute Couture ist die ganz große Kunst der Mode. Wer sie getragen hat, empfunden hat, wie es sich anfühlt, diese einzigartige Mode zu tragen, so heißt es, möchte sie nie wieder missen. 


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