Fast Fashion Giganten – Nachhaltig oder Greenwashing?

Die großen Bekleidungskonzerne wie H&M und Zara sind weltbekannt. Fast jeder besitzt ein Kleidungsstück oder war zumindest bereits in einer Boutique der global agierenden Fast Fashion Giganten. Weder die Produktion noch die Stoffqualität der schnellen Mode sind besonders freundlich zu Mensch und Umwelt, weshalb es unfassbar wichtig ist, einen Wandel in der Bekleidungsindustrie hervorzurufen.

Immer häufiger sprechen Fast Fashion Brands wie H&M oder Zara von Nachhaltigkeit und Verantwortung. Sogar eigene Linien wie Positively Conscious oder Join Life haben die Giganten auf den Markt gebracht. Angeblich handelt es sich dabei um nachhaltige Linien. Aber wie umweltfreundlich kann die Produktion der Kleidung im Fast Fashion Segment wirklich sein und welche Auswirkungen hat die Produktion für Mensch und Umwelt?

Responsible purchasing practices : H&M

Auf der Website spricht H&M von der Verpflichtung, ein verantwortungsbewusstes  Einkaufsverhalten sicherzustellen. Nur so wäre es gewährleistbar ein fairer Geschäftspartner zu  sein. Das Einkaufsverhalten solle dabei die Textil- und Stoffindustrie unterstützen, nachhaltig  zu produzieren und auf Langzeit gesehen Vorteile für Fabrikarbeiter:innen und Zulieferer:innen  sicherzustellen. „Verantwortungsbewusste Einkaufspraktiken sind fundamental, um die faire  Behandlung von Fabrikarbeiter:innen und ein gesundes Arbeitsumfeld zu gewährleisten”, so H&M.

Join Life : Zara 

Auf der Website spricht Zara davon, Nachhaltigkeit als kontinuierliches Projekt, an dem das Unternehmen immer weiter arbeite, zu verstehen. Das Unternehmen entwickele spezielle Programme mit einem ganzheitlichen Ansatz und berücksichtige sowohl die soziale und ökologische Nachhaltigkeit sowie auch die gesundheitliche Unbedenklichkeit und Sicherheit der Produkte des Unternehmens. In seinem Geschäftsbericht spricht die spanische Gruppe zudem von dem Schwerpunkt „durch Ermächtigung und Beteiligung der Arbeiter Existenz Löhne in der Industrie erzielen“. Aktuell zahlt der globale Riese fraglicherweise nur ein Drittel der als Existenz Löhne geltenden Bezahlung. 

Die Verbrennung von Kleidung

2017 wurde bekannt, dass H&M tonnenweise Kleidung verbrennt. Ein großer Teil der Kleidung  kommt von Kunden:innen, die alte Kleidung zum Recyceln bei H&M seit 2013 für einen Gutschein abgeben  können. Das ganz im Sinne der Nachhaltigkeit. H&M warb dafür mit dem Slogan: „Den Kreis der Mode schließen“. Dadurch bekommt der Konsument das Gefühl etwas zur  Nachhaltigkeit beizutragen.

In der Realität sieht das nur leider ganz anders aus. Wie der dänische Sender TV2 herausfand werden allein in einer Verbrennungsanlage im dänischen Roskilde jährlich seit 2013 im Schnitt rund 12 Tonnen neue, ungetragene Kleidung verbrannt. 

H&M wehrte sich gegen die Vorwürfe und behauptete keine Kleidung außer Ware, die zu stark mit Chemikalien belastet sei zu verbrennen. Dies geschehe zudem nur aus Gesundheits- und Sicherheitsgründen, so H&M Nachhaltigkeitsmanagerin Mia Møgelgaar. 

Die TV2 Journalisten untersuchten daraufhin im Juni 2017 Kleidung einer 1580 Kilogramm schweren Lkw-Lieferung in der Verbrennungsanlage. Fraglich bleibt, wieso bei dieser Untersuchung außer den Preisschildern an der Kleidung nichts Bemerkenswertes gefunden wurde. Auch aus Gesprächen mit ehemaligen H&M Mitarbeitern und der Auswertung interner Dokumente des Unternehmens ging hervor, dass H&M ungetragene Kleidung alter Kollektionen verbrennt, um Platz für neue Produkte zu schaffen. 

Das Problem mit der Verbrennung

Leider ist der Fund der dänischen Journalisten kein Einzelfall. Auch in Schweden, Bulgarien, Rumänien und vielen anderen Orten werden Verbrennungsanlagen als günstige Lösung der Fast Fashion Konsequenzen genutzt. Das Konzept H&Ms, alte Kleidung als Secondhand Ware weiterzuverarbeiten oder bei Kleidung, die sich nicht dafür eignet, durch Upcycling Putzlappen herzustellen geht leider nur selten auf. Der Konzern selbst behauptet nur 1 % der Kleidung würde verbrannt werden. Dass die inoffizielle Zahl leider viel höher liegt, ist jedoch unbestritten. Besonders problematisch ist das Vorgehen des Konzerns für arme Länder wie Bulgarien und Rumänien. Ärmere Leute erwerben die Kleidung dort für wenig Geld und nutzen sie als Brennmittel für den Kamin. Dass die Kleidung krebserregende Stoffe in der Luft freisetzt, ist den meisten nicht bewusst.

Die Folgen der Fast Fashion

Ein weiteres Problem der Fast Fashion ist die Stoffzusammensetzung der Produkte. Um günstige Preise zu ermöglichen, müssen auch günstige Produkte in der Produktion genutzt werden. Die Fasern von den meisten Artikeln der schnellen Mode sind somit synthetisch. Synthetische Fasern für sich sind aufgrund ihrer Produktion und Stoffeigenschaften, die es unmöglich machen, die Faser jemals wieder abzubauen, bereits schädlich genug. Hergestellt werden diese Stoffe aus Erdöl, Erdgas oder Kohle. Vermischt man jedoch verschiedene synthetische Fasern wie Acryl, Polyamid, Polyester oder Elastan miteinander in einem Produkt sind die Stoffeigenschaften bereits so schlecht, dass es schlichtweg unmöglich ist den Stoff jemals wieder in seine verschiedenen Stoffe zu zerlegen. Geschweige denn, ihn zu recyceln. Sprich: Mischfasern, zu denen die meisten Produkte im Fast Fashion Segment, wie beispielsweise die Kleidung von H&M und Zara zählt, sind nicht recyclebar. 

Rassismusvorwürfe und andere Probleme

Zuletzt war 2018 ein Sweatshirt mit dem Aufdruck „Coolest Monkey in the Jungle“ Auslöser für Kritik. Denn ein Junge of Colour posierte damit in der Werbung. Das löste einen internationalen Shitstorm gegen den Konzern aus, der zwar schnell reagierte, jedoch den Fehltritt nicht weniger schwerwiegend machte. „Es lag absolut nicht in unserer Absicht, bei der Verwendung des Pullovers eine Assoziation herzustellen. […] Das Bild wurde umgehend auf allen H&M-Kanälen entfernt, und wir entschuldigen uns in aller Form für dieses Vorkommnis.“ 

2017 veröffentlichte die niederländische Organisation SOMO, dass H&M sowie Zara und viele weitere Fast Fashion Brands Kleidung von Kindern produzieren lassen. Besonders in dem vom Militär kontrollierten Burma produzieren Minderjährige, die meisten davon keine 14 Jahre alt, für einen Hungerlohn die Kleidung von H&M, Takko und Primark. 

Nicht einmal der tägliche Mindestlohn von 2,48 Euro würde dabei eingehalten. Die Kinder leben in Slums. Fließendes Wasser und Elektrizität gibt es nicht. Besonders Burma profitiert vom Billigwettlauf der Fast Fashion. Nach Angaben des Textilproduzenten Barbands sei der Kleidungssektor bereits für 10 Prozent der Gesamtexporte des Landes zuständig. Bereits 2016 machten die zwei schwedischen Journalisten:innen Moa Kärnstrand und Tobias Andersson Akerblom in dem Enthüllungsbuch “Modesklaven” auf die Zustände in Burma aufmerksam. Besonders die langen Arbeitszeiten von bis zu 14 Stunden am Tag, welche selbst laut burmesischen Gesetz nicht zulässig sind, schockierten die Journalisten. H&M rechtfertigte das Vorgehen damit, dass es in Burma zulässig sei Minderjährige ab 14 in der Fabrik arbeiten zu lassen. Ähnlich die Reaktion des Unternehmens auf den Bericht von SOMO. Laut H&M sei Kinderarbeit “inakzeptabel” und es gebe keine Anzeichen dafür, dass Kinder unter dem gesetzlich zulässigem Alter von 14 Jahren für H&M tätig seien. Überstunden seien zudem eine “weitverbreitete Herausforderung” und für die rechtmäßige Zahlung der Minderjährigen seien die Lieferanten selbst zuständig, so H&M. 

Ein Jahr darauf fand der britische Privatdetektiv Peter Humphrey heraus, dass H&M in chinesischen Gefängnissen Kleidung produzieren lässt. Peter Humphrey selbst verbrachte 23 Monate im Gefängnis des Shanghaier Stadtbezirks Qingpu. Dort erlebte er mit eigenen Augen, wie Häftlinge „vormittags, nachmittags und oft während des Mittagsschlafs ‚arbeiteten'(…). Unsere Männer haben Verpackungsteile hergestellt. Ich erkannte bekannte Marken – 3M, C&A, H&M. So viel zur sozialen Verantwortung von Unternehmen, obwohl die Unternehmen möglicherweise nicht wussten, dass die Gefängnisarbeit Teil ihrer Lieferkette war.“

Der Spiegel berichtete 2017, dass H&M von seinem Ziel bis 2018 seine rund 850.000 Textilarbeiter:innen gerecht zu entlohnen noch immer weit entfernt ist. Viele Arbeiter:innen können von den Löhnen nicht einmal leben.

Das Pariser Recherchebüro Le Basic berechnete 2019, dass Zara seine Preise nicht einmal erhöhen müsste, um seinen Angestellten den angepriesenen Existenzlohn zu zahlen. Lediglich die eigene Gewinnmarge des Unternehmens würde schrumpfen.  Laut den Berechnungen des Recherchebüros erzielt die spanische Gruppe, nach Abzug aller Kosten an einem Pullover, einen Gewinn von 4,20 Euro pro Stück. Um 3,62 Euro pro Pullover würden sich die Kosten erhöhen, wenn der Konzern faire Löhne zahlen würde. Sprich das Unternehmen musste seine Preise um keinen Cent anheben um faire Löhne zu zahlen, nur der eigene Gewinn würde sinken. 

Die Conscious Kollektion : H&M

Ehemaliger CEO Karl-Johan Persson bezeichnet die Nachhaltigkeit als “integraler Bestandteil” des Unternehmens. Allerdings macht er Nachhaltigkeit “abhängig von den Partnern”. Somit weist H&M sämtliche Verantwortung von sich. Diese Grauzone wird immer wieder gerne in der Modebranche verwendet. Doch es gibt auch offensichtliche Fortschritte:

  • H&M wollte bis 2020 komplett auf Bio-Baumwolle umsteigen und bis 2040 eine klimapositive Wertschöpfungskette erreichen. Aktuell stammen laut H&M bereits 64,5 % der verwendeten Materialien aus recycelten oder nachhaltigeren Quellen. Außerdem sei bereits 100 % der verwendeten Baumwolle Bio-Baumwolle, recycelte Baumwolle oder nachhaltig beschaffte Baumwolle.
  • Die Kunden sollen bald Informationen über die genauen Materialien, die Produktion und das Recycling jedes Kleidungsstücks auf der Homepage erhalten.  
  • Bis 2025 sollen, 30 % der verwendeten Materialien recycelt sein. 

Dennoch ist die Kleidung von H&M nicht mit einem Nachhaltigkeitssiegel wie dem GOTS Siegel Global Organic Textile Standard für soziale und ökologische Verantwortung ausgezeichnet. Das Siegel setzt mindestens 70 Prozent Naturfasern aus kontrolliertem biologischem Ursprung voraus. Es dürfen bis zu 30 Prozent Recyclingfasern beigemischt werden. Bei Labels wie Hessnatur, The Avocado Store oder Alnatura hingegen ist das Siegel zu finden. 

Die Join Life Kollektion : Zara

Zara gehört mit Bershka und vielen weiteren bekannten Fast Fashion Brands zur spanischen Inditex-Gruppe. Inditex hat durch seine Großaufträge eine erdrückende Marktmacht und bestimmt damit die Preise für die Stoffe, das Nähen und das Bedrucken. Die vergleichsweise kleinen Nähereien und Textildrucker in armen Ländern wie Myanmar dürften auf die Inditex-Aufträge angewiesen sein. Nachhaltigkeit und Transparenz sind Inditex offenbar wichtig, jedenfalls stehen diese Worte an vielen Stellen im 434-seitigen Geschäftsbericht geschrieben. Der sozialverträglichen Lieferkette und dem „Arbeiter im Mittelpunkt“ widmet der Bericht sogar fast 50 Seiten. Join Life kennzeichnet seit 2016 nachhaltig produzierte Produkte und ist als eigene Linie beim spanischen Konzern Zara erhältlich.

  • Zara möchte in jeder Filiale Altkleider Container aufstellen, die genau wie bei H&M dazu genutzt werden sollen, Artikel zu recyceln. 
  • Jegliche Viskose-, Baumwoll-, Leinen- und Polyestergewebe, die für die Produkte genutzt werden, sollen biologisch, recycelt oder nachhaltig sein.
  • Bis 2023 sollen Einwegkunststoffe eingesetzt werden. 
  • Bis 2025 soll die komplette Energie aus erneuerbaren Quellen stammen. 

Zehn Kleidungsstücke von Zara hat Greenpeace für den Test giftige Garne unter die Lupe genommen. Insgesamt wurden 141 Textilien der 20 führenden Modehäuser auf umwelt- und gesundheitsschädliche Chemikalien untersucht. Eine Zara-Kinderjacke aus China enthielt eine hohe Konzentration von Nonylphenolethoxylaten (NPE), die im Abwasser zu giftigen Nonylphenolen umgewandelt werden. Zudem waren Zara-Produkte die einzigen im Test, die krebserregende Amine aufwiesen: Sie stammen aus Azofarbstoffen in Kinderjeans, die in Pakistan gefertigt wurden.

Unser Fazit

Der schwedische Konzern H&M macht zwar Fortschritte in seinen Nachhaltigkeitsbemühungen, ist allgemein aber leider noch immer sehr weit davon entfernt nachhaltig oder fair zu produzieren. Zudem ist das Unternehmen sehr darauf bedacht ein nachhaltiges Image aufzubauen, das leider nur  bedingt der Realität entspricht. Die Konsumenten werden durch gezielte Greenwashing Taktiken dazu animiert, H&M als nachhaltiger zu empfinden als der Konzern in Wirklichkeit ist, um das Kaufverhalten zu erhöhen.
Das Vorgehen der Inditex-Gruppe ist nicht anders. Besonders besorgniserregend: die Vergiftung der Gewässer in den Herstellungsländern der Fast Fashion Artikel, die Freisetzung der Chemikalien in der Produkten durch die Haushaltswäsche, sowie die Vergiftung durch Pestizide beim Baumwollanbau, bei der jährlich rund 10.000 Menschen ums Leben kommen. 

Fast Fashion komplett zu meiden, ist auf dem aktuellen Stand und den Preisen nachhaltiger Mode nicht immer möglich. Was jedoch jeder von uns, ganz egal welche finanziellen Mittel zur Verfügung stehen, bereits beitragen kann, ist die Regulierung der Fast Fashion. Sprich den eigenen Konsum regulieren. Aktuell wird jedes Kleidungsstück im Durchschnitt nur vier Mal getragen, bevor es im Altkleidercontainer landet. Diese Zahl muss sich steigern, weniger Kleidung muss im Umlauf sein und dafür muss weniger produziert und gekauft werden.