House Of Gucci: Eine Beleidigung für das Gucci Erbe

Die langersehnte Verfilmung der Familientragödie der Gucci Familie lässt viele Fragen offen. Ein Film mit großem Potenzial, der sich als eine große Enttäuschung entpuppt. Trotz der erstklassigen Besetzung mit Stars aus Musik und Film, wie Lady Gaga und Adam Driver in den Hauptrollen des Gucci Ehepaares, gelingt es Direktor Ridley Scott nicht, die Familientragödie ergreifend darzustellen. Fast schon banal wird der Aufbau sowie der tragische Zerfall des Hauses als Familienunternehmen ganz nebenbei erwähnt.

(Vorsicht Spoiler Alert !) 

Modische Umsetzung der Verfilmung

Das Familienunternehmen Gucci enthält ein umfassendes Erbe, das Tradition, Geschichte und Familie beinhaltet. Das Erbe begann, als Guccio Gucci das Unternehmen 1921 als Werkstatt für Lederwaren und Gepäck gründete und somit den Start eines der wertvollsten Luxushäuser unserer Zeit setzte. Bis heute ist die Familientradition einer der ausschlaggebenden  Faktoren für den Erfolg des Hauses. Eine Tradition, der in Ridley Scotts Verfilmung des Hauses nicht genügend Respekt und Anerkennung zugeschrieben wird. Zwar werden entscheidende Elemente des Hauses wie beispielsweise die Gucci Bamboo Bag, die aufgrund des Materialmangels während ihrer Entstehung im Kriegsjahr 1947 von einem Bambus Griff geziert wird, mehrmals gezeigt, allerdings werden Hintergrund und Bedeutung dieser Elemente nicht ausreichend erklärt. Weder die Gucci Farben, noch das Gucci Logo oder das Gucci Monogramm werden geschichtlich erklärt. Dabei sind diese bis heute entscheidend für den Umsatz sowie die kreative Arbeit des aktuellen Kreativdirektors Alessandro Michele, welcher immer wieder Bezug auf die Geschichte und das Archiv des Hauses nimmt.
Einzig das Kostümdesign, insbesondere das von Lady Gagas in der Rolle Patrizia Reggianis spiegelt das Erbe des Hauses wider. Kostümdesignerin Janty Vates bediente sich am Florenzer Gucci Archiv, sowie an Gagas privaten Kleiderschrank. Auch Vintage Dealer und andere Designer bezog sie in das Kostümdesign mit ein. Mit einem Schneider und fünf Näherinnen, die einzig und allein für Gagas Kostüme zuständig waren, entstand ein einzigartiger Vintage Look, der die Historie des Hauses sowie den imposanten Look der 70er bis 90er Jahre Italiens signifikant verkörperte. Auch die männliche Besetzung des Familiendramas katapultierte den Zuschauer mit maßgeschneiderten Nadelstreifenanzügen und Gucci signierten Seidenkrawatten in die Blütezeit der italienischen Mode. Leider wirft jedoch auch das Kostümdesign Fragen für den Zuschauer auf. Wie bei der gesamten Handlung wird auch hier zu keiner Stelle der über 2 Stunden langen Vorführung deutlich, ob Gucci gerade gefeiert oder verspottet wird. 

Handlung des Familiendramas

Als die Verfilmung der Gucci Dynastie bekannt gegeben wurde, nachdem Regisseur Ridley Scott diese bereits 2009 angekündigt hatte, wartete die Modewelt gespannt. Der vielversprechende Trailer steigerte die Erwartungen sowie die Vorfreude auf den tragischen Untergang der Gucci Dynastie umso mehr. Desto enttäuschender die banale Erzählung der Tragödie, die deutlich mehr Fragen aufwirft als beantwortet. 

Die Handlung lautet wie folgt: Patrizia Reggiani (Lady Gaga), Spediteurstochter vom Stadtrand, lernt Maurizio Gucci (Adam Driver) auf einer Party kennen. Als sie seinen berühmten Nachnamen hört, scheint sie auf einmal ganz angetan von dem schüchternen Jurastudenten, der auf dem Fahrrad durch Mailand radelt. Maurizios Vater Rodolfo, der Patrizia nicht als Schwiegertochter gestattet, versucht währenddessen Maurizio für die Firma zu begeistern, da er schwer krank ist und kurze Zeit später ins Totenbett springt. Patrizia und Maurizio heiraten, bekommen eine Tochter, in der Realität mal zwei. Patrizia beeinflusst Ehemann Maurizio stark und schafft es, die gesamte Gucci Familie einschließlich Onkel Aldo (Al Pacino) und Cousin Paolo (Jared Leto) gegeneinander durch Intrigen und Lügen auszuspielen.  Maurizio, der jetzt an der Unternehmensspitze steht, entpuppt sich als unfähig ein Unternehmen zu leiten und Firmenanteile werden verkauft. Patrizia wird verlassen und beschließt ihren Exmann von zwei Auftragsmördern erschießen zu lassen. 

Charaktere

Die anfängliche Szene im Ruderboot beschreibt bereits den gesamten Film. Als Patrizia Reggiani gemeinsam mit Maurizio Gucci auf dem Teich paddelt und mit einem verheißungsvollen Blick ihren Mantel zusammenfaltet und zwischen die Beine ihres Dates legt, fragt sich der Zuschauer gespannt, was jetzt kommt. Ob sie ihm einen Antrag machen, zwischen seine Oberschenkel gleiten wollte oder einfach nicht wusste, wohin sonst mit ihrem Mantel? Keiner weiß so recht, was genau vor sich geht; genau darin liegt die emotionale Lücke des Filmes. Keiner der Charaktere wird tiefgründig behandelt, sonders nur an der Oberfläche angekratzt. Der Zuschauer kann sich weder in einen der Charaktere hineinversetzen noch die Handlungsstränge oder Gedankengänge nachempfinden. Die Figuren wirken wie Fremde, deren Gefühle nicht einzufangen sind. Die dramatische Geschichte der Gucci Familie wird lächerlich dargestellt und ihr Drama nicht ernst genommen. Eine ebenso schwerwiegende Lücke lässt sich in der Liebesbeziehung Patrizias und Maurizios finden. In keiner Szene wird deutlich wann oder wieso sich die beiden ineinander verliebt haben, entschließen zu heiraten und sich später zu trennen. Auch die Motivation Patrizia Reggianis Maurizio Gucci aufzureißen bleibt unklar; ob es jemals Liebe oder doch bereits zu Beginn sein Name, Geld und der große Ruhm waren, die sie antrieben, stellt der Film nicht eindeutig dar. 

Kritik

Viele Szenen bringen den Zuschauer zum Lachen. Wie selbst ehemaliger Gucci Designer Tom Ford, in dem Film von Reeve Carney dargestellt, in einem Beitrag im Online-Magazin „Air Mail“ zugibt, habe er die 2 Stunden und 37 Minuten Spiellänge überlebt.  „Ich habe oft lauthals gelacht, aber sollte ich das?“ Eine Frage, die sich auch den Zuschauern aufkommt. „Ich kannte Maurizio Gucci gut und habe mit ihm während vier der Jahre zusammengearbeitet, die in diesem Film abgedeckt werden. Er wurde am Morgen des 27. März 1995 ermordet, nur wenige Schritte von meinem Büro in Mailand entfernt.“ Fraglich also, wie es überhaupt möglich ist, Tom Ford durch die Darstellung dieser tragischen Ereignisse zum Lachen zu bringen.
Eine Frage, die als Antwort der Frage, wieso die Gucci Familie rechtliche Schritte gegen die Filmleitung einleiten möchte, gelten könnte. Der Bruch einer Familie sowie eines Unternehmens und einer Ehe werden in dem Film rational und kalt dargestellt. Besonders die Darstellung von Patrizia Reggiani sei für die Nachkommen der Gucci Dynastie verheerend. Als eigentliche Täterin, die des Auftrags Mordes ihres Mannes schuldig gesprochen wurde und aufgrund dessen 25 Jahre im Gefängnis verbrachte, wird ihr die Opferrolle zugeschrieben. Der Mord an Maurozio Gucci findet ganz nebenbei statt, ohne große Dramaturgie wird er kaltblütig ermordet während Patrizia in der Badewanne liegt. Schließlich wurde die arme Patrizia, nachdem sie die gesamte Familie betrogen hatten, belogen und gegeneinander ausgespielt hatte, ja von ihrem Mann für eine andere Frau verlassen. Ganz verständlich also, dass sie keine andere Lösung hatte, als ihren ach so bösen Mann ermorden zu lassen. So verherrlichend und diffamiert stellt der Film den Mord an Maurizio Gucci sowie die gesamte Handlung dar.

Fazit

Ein Film mit dem ganz großen Potenzial; große Stars in den Rollen emotionaler Charaktere, das traumhafte Italien der 70er bis 90er Jahre, eine Dynastie im Untergang mit einem weltweit bekannten Namen und den Glamour der Luxuswelt. Potenzial, das auf ganzer Strecke nicht genutzt wurde und somit in den wohl enttäuschenden Film des Jahres verwandelt wurde.