Lee Alexander McQueen – Der Ikarus der Modewelt

Lee Alexander McQueen bewegte, begeisterte und verstörte weit über die Grenzen der Modewelt hinaus. Mit seinen autobiografischen Schauen eröffnete er dem Publikum neue Welten, manche ebenso grausam wie wunderschön. Das ist die Faszination McQueen.

Das einst mollige Enfant terrible verlor sich selbst auf dem Weg zum international gefeierten Stardesigner.  Lee Alexander McQueen verstand sein Handwerk wie kaum ein anderer. Doch der enorme Druck der Industrie und die Erwartungen, welchen er zeitweise als Designer zweier Modehäuser nachkommen musste waren zu viel für den sensiblen Briten. Der Erfolg trieb ihn in die Einsamkeit bis er sich schließlich in den Drogen ganz verlor. Auf der Suche nach Anerkennung und Erfolg, erlitt er einen Selbstverlust. Als seine engsten Vertrauten schließlich verstarben und Lee sich selbst in Modemarke McQueen nicht mehr sehen konnte, setzte er seinem Leben ein Ende. Ein Verlust mit welchem die Modeindustrie noch immer zu kämpfen hat. 

Background des Designers

Seine Arbeiten waren nicht nur sehr autobiografisch, sondern aufgrund seiner Ausbildung auf der bekannten Londoner Saville Row auch in höchster Schneiderkunst. Lee McQueen, geboren am 17. März 1969, der in einer Arbeiterfamilie aufwuchs, wusste schon früh, welchen Berufsweg er einschlagen würde. Sein Vater war Taxifahrer, seine Mutter Joyce Lehrerin. Er wuchs mit drei Schwestern, sowie zwei Brüdern in einer Londoner Sozialwohnung auf. Schon als kleiner Junge fertige er Kleider für seine Schwestern an. Von seinem Zimmer aus konnte er die Vögel fliegen sehen, darin sah er eine Schönheit, welche er auf Frauen projizieren wollte. Ein Aspekt der in seinen Kollektionen immer wieder zum Vorschein kommt, auch wenn viele Kritiker ihm das Gegenteil unterstellten. 

Die jungen Jahre des Designers 

Mit sechzehn brach er die Schule ab und begann eine Schneiderlehre auf der berühmten Saville Row in London. Zuerst arbeitete er von 1985 bis 1987 für Anderson & Sheppard und erlernte dort cutting und tailoring. Daraufhin ging er zu Gieves & Hawkes und erlernte Trouser Cutter sowie Freelance Pattern Cutter. Von 1989 bis 1990 arbeitete er dann als Pattern Cutter bei Koji Tatsuno. Dieser besaß damals eine Maßschneiderei auf der Mant Street und arbeitete sehr experimentell mit allen möglichen Materialien. Der junge Alexander wollte damals lernen und verstehen, wieso für welches Teil welches Material gewählt wird. Über Koji Tatsuno lernte er dessen Freund und Streetwear Designer John McKittrick kennen. Für dessen Label Red or Dead arbeitete er ein Jahr lang als Pattern Cutter, bis es ihn nach Italien verschlug. Ohne Geld, Sprachkenntnisse und Qualifikationen machte er sich auf den Weg nach Mailand. Doch sein Wille sollte belohnt werden und innerhalb einer Woche ergatterte er einen Job bei Romeo Gigli. Von dem 09. Februar bis zum 09. November 1990 arbeitete er für den Designer, der damals auf der Suche nach neuen Schnittformen war. Durch diese Etappen seiner anfänglichen beruflichen Laufbahn eignete er sich das für seinen Erfolg ausschlaggebende präzise Handwerk eines Schneiders an. 

McQueen am Central Saint Martins 

Trotz seines enormen Talents und seinem Gespür für Schnitte und Formen, schien McQueen sich seinem Talent nicht bewusst zu sein. Und so kam es, dass er sich am Central Saint Martins College nicht als Student, sondern als Dozent bewarb, aus Angst als Schüler nicht qualifiziert genug zu sein. Seine Selbstzweifel, die sich durch seine komplette Berufslaufbahn erstreckten, waren jedoch zu jedem Zeitpunkt völlig unbegründet. Lee wurde 1990 am Central Saint Martins angenommen, und zwar nicht als Dozent, sondern als Schüler. Seine Tante Renee glaubte an sein Talent und finanzierte sein Studium. Am Central Saint Martins fand er Gleichgesinnte und somit geistige Freiheit. Studentin und Freundin Rebecca Borten beschreibt ihn damals als einen lustigen und frechen jungen Mann. 1992 präsentierte er seine Abschlusskollektion Jack the Ripper Stalks his Victims. Eine Kollektion, welche so bestimmt war von Talent, Kreativität und Schneiderkunst, dass Stylistin Isabella Blow sie komplett aufkaufte. Damit  lieferte sie ihm das Sprungbrett für seine Karriere. Sie selbst sagte über die Kollektion, Kleidung gesehen zu haben, die sich auf eine Art bewegte, wie sie es noch nie zuvor gesehen habe. Die Abschlusskollektion von Alexander McQueen, dem Yves Saint Laurent der 2000er, wie viele ihn betitelten, war geprägt von Sabotage und Tradition und gab bereits einen Vorgeschmack auf die legendären Kollektionen, welche McQueen im Laufe seiner Karriere noch kreieren sollte. 

Die Anfangszeit des Labels McQueen

Noch im selben Jahr gründete er sein eigenes gleichnamiges Label. Schon nach kürzester Zeit machte er sich durch seine provokanten Kreationen international einen Namen. Erstmals Popularität erlangte er 1992 mit dem Bumster. Einer Hose, welche einem eher untraditionellen Schnitt zugrunde liegt und somit äußerst tiefe Einblicke beschert. Der Bumster war Teil seiner kontrovers diskutierten Herbst Winter 1995 Show Highland Rape. Es handelte sich damals um seine vierte Modenschau, die ihn international bekannt machte. Ein männlicher Designer, der blutverschmierte Frauen in zerrissenen Kleidern unter dem Begriff Rape den Laufsteg herablaufen lässt. Die Daily Mail taufte ihn “The Designer Who Hates Women”, andere sprachen von Frauenverachtung und nannten McQueen einen Perversen. Entblößte Brüste, blaue Flecken und zerrissene Kleider machten McQueen für viele zum Frauenfeind. Dabei war die Kollektion keine Beschönigung von der Vergewaltigung an Frauen, sondern stellte die Vergewaltigung der schottischen Kultur durch die Highland Clearances der britischen Arme im 18. Jahrhundert dar. Sichtbar wird der politische Hintergrund der Kollektion durch Tartan Muster sowie Motive der britischen Arme. Besonders die finalen zwei Models der Show symbolisieren den Konflikt. Eins der Models mit entblößter Brust in einem kurzen schwarzen Kleid läuft von dem Model, welches England symbolisieren soll, davon. Gekleidet ganz in Schwarz mit einem Federcollier um den Kopf, aggressiv und selbstbewusst unterdrückt sie das Model beziehungsweise Schottland im Kleid, zerrissen an ihrer linken Brust. Die von ihm projizierte Frau ist stark und furchtlos, nicht aber ein Vergewaltigungsopfer. Dass der Designer mit der Kollektion zeigen wollte, wie Frauen von der Gesellschaft noch immer gesehen werden und zudem auch den eigenen sexuellen Missbrauch durch den verstorbenen Ehemann seiner Schwester verarbeitete, war damals noch nicht bekannt. McQueen gelang es mit Highland Rape etwas Verstörendes und zugleich Faszinierendes zu erschaffen. 

Sein Schaffen bei Givenchy 

Seine Shows waren einzigartig, aber erzielten kein Geld. Denn vielmehr ging es bei den Schauen um Imageaufbau. Die Kleidung welche gezeigt wurde, war nicht reproduzierbar und somit unverkäuflich. Das ganze Team unter seiner Leitung arbeitete zu diesem Zeitpunkt nicht für Geld. Die Shows selber finanzierte Alexander mit dem Arbeitslosengeld, welches er vom Staat erhielt, weshalb er kamerascheu war und nicht im Fernsehen gesehen werden wollte. Im Jahr 1996 wurde er erstmals zum britischen Designer des Jahres ernannt, einen Titel welchen er bis 2003 noch drei weitere Male tragen würde. Im selben Jahr fragte ihn zudem das französische Traditionshaus Givenchy als Creative Director an. Damit trat er in die Fußstapfen John Gallianos, welcher Givenchy für die Stelle des Creative Directors bei Dior verließ. Beide Häuser standen unter der Leitung Bernard Arnaults, wodurch McQueen sich im ständigen Wettstreik gegen John Galliano befand. Ein Traditionshaus hat jedoch genaue Vorstellungen wie eine Kollektion auszusehen hat und als Creative Director war es McQueens Aufgabe sich an der Geschichte und dem Archiv des Hauses zu orientieren. Eine Aufgabe welche ihn in seiner Kreativität enorm einzuschränken schien. Nicht zuletzt, weil seine Werke immer autobiografisch geprägt waren. Obwohl er sich der Herausforderung Givenchy mit seinem britischen Team stellte – bestehend aus Murray Arthur, seinem Lebensgefährten, Mira Chai Hyde, einer engen Freundin und Hairstylistin sowie Sebastian Pons, Design Assistent und vielen anderen – befand er sich in einem Zwiespalt zwischen kreativem Design sowie den kommerziellen Ansprüchen. Ein Zwiespalt, welchen er mit seinen jährlich unabhängigen, fast völlig zusammenhanglosen Entwürfen nicht vereinen konnte. Die Stelle bei Givenchy war für McQueen allerdings elementar, um sein eigenes Label, mit welchem er nicht wirklich Geld verdiente, weiter aufzubauen. 

Meilensteine seiner kommerziellen Karriere

Seine erste Kollektion für Givenchy musste innerhalb von 25 Tagen fertiggestellt werden und sollte dabei 55-teilig sein. Sie stand unter dem Motto Das goldenen Vlies, Jason und die Argonauten, wurde von der Kritik jedoch als Beleidigung der französischen extravaganten Haute Couture empfunden. Zu diesem Zeitpunkt verbrachte McQueen sechs Monate des Jahres in Paris, um für Givenchy zu arbeiten und sechs Monate in London, um an seinem eigenen Label zu wirken. Er stand unter enormen Druck und musste vierzehn Kollektionen pro Jahr entwerfen. Im Frühjahr 1999 gelang es ihm erneut eine revolutionäre Show auf die Beine zu stellen, welche die Modewelt noch heute in Atem hält. Das Finale Kleid der Spring Summer 1999 Show No.13, welches am Abend vor der Show kreiert wurde und von Tänzerin Shalom Harlow getragen wurde, erhielt beim großen Finale durch zwei ferngesteuerte Roboter Farbe. Von beiden Seiten wurde das Kleid mit gelb und schwarz bespritzt. Eine wunderschöne Choreografie, welche ganz frei entstand und zuvor nie geprobt wurde. Im Jahr 2000 verkaufte er 51 % seines Labels Alexander McQueen an die Gucci, heute Kering Group, denn er benötigte Investoren, um sein Label rentabel zu machen. Dass Tom Ford auf ihn aufmerksam wurde und ihm eine Partnerschaft anbot, sorgte jedoch für weitere Differenzen zwischen McQueen und Givenchy. Denn die LVMH und Gucci Group standen in starker Konkurrenz, weshalb die Vereinbarung mit der heutigen Kering Group bis zum Vertragsabschluss geheim bleiben musste. Mit dem Ablauf seines Vertrages mit Givenchy 2001 endet die Zusammenarbeit sowie seine Ehe mit dem Dokumentarfilm Hersteller George Forsyth, welche im Jahr zuvor auf Ibiza geschlossen wurde, und Lee widmete sich wieder einzig um sein Label. 2003 führt er eine Parfümlinie ein, 2004 eine Männerkollektion, mit welcher er vom Britischen Fashion Council zum Menswear Designer des Jahres ernannt wurde. 2006 folgte eine erschwingliche Ready to Wear Kollektion, McQ mit dem Schwerpunkt auf Denim. Seine Herbst/Winterkollektion, sowie die zugehörige Show widmete McQueen 2009 seiner Mutter Joyce, zu welcher er eine enge Beziehung führte. Mit der Kollektion feierte er zudem das 10-jährige Bestehen seines Labels. 

McQueen verliert sich selbst

Alexander McQueen war ein talentierter, disziplinierter und avantgardistischer Modedesigner. Mit seiner Kreativität und Ehrlichkeit sowie seinem Gespür für Formen und Schnitte veränderte er die Modewelt für immer. Der Druck, welcher besonders von Multimilliarden Konzernen wie der LVMH oder Kering Group auf kleine, unabhängige Labels ausgeübt wird und die finanziellen Mittel dieser Gruppen, schränken eigenständige, kleine Unternehmen in ihrer Kreativität sowie Freiheit enorm ein. Eine Erfahrung, welche auch McQueen machen musste. Lee Alexander McQueen war eine gespaltene Persönlichkeit. Zu einem er als Star Designer, der immer wieder der Presse zum Opfer fiel, weil alles was er zeigte ein Traum oder Albtraum von ihm selbst gewesen war. Und zum anderen war er einfach nur Lee. Ein einsamer Mensch, der Frieden bei seiner Familie, seinen Freunden und seinen Hunden fand. In der oberflächlichen Modeindustrie waren sie es, die ihn auf den Boden brachten. Mit der 2000er Wende begann nicht nur ein neues Jahrtausend, sondern für Alexander McQueen auch ein neuer Lebensabschnitt. Desto mehr Geld er verdiente, desto unglücklicher wurde er. Und so kam es, dass er den Drogen verfiel und sich selbst schließlich durch einen operativen Eingriff nicht mehr wiedererkannte. Durch das Kokain wurde er aggressiv und launisch. Design Assistent Sebastian Pons verlor dadurch den Spaß an seiner Arbeit und verließ schließlich das Label. Seine Frühjahresshow 2001, die den Namen Voss trug, spiegelte die Verzweiflung McQueens wider. Das Set sollte eine Gummizelle darstellen, welche sich in einer Irrenanstalt befand und die Zuschauer vor einen Spionspiegel platzierte. Als Finale ließ McQueen Joel-Peter Watkins Bild von einem Alb/ Sanitarium nachstellen. 

Der Verlust seiner engsten Vertrauten 

Sein Erfolg veränderte jedoch nicht nur ihn, sondern stellt auch seine langjährige Freundschaft zu Isabella Blow auf die Zerreißprobe. Sie war verantwortlich für viele seiner Erfolge, als Alexander jedoch der Anfrage Givenchys nachging, berücksichtigte er dabei nicht Isabella. Diese hatte zu der Zeit mit einem unerfüllten Kinderwunsch zu kämpfen, der in den Jahren 2004 und 2005 zu einer Ehekrise führte. Zur gleichen Zeit wurde bei ihr eine bipolare Störung festgestellt und wenig später Eierstockkrebs. In den folgenden Jahren unternahm sie mehrfach Suizidversuche, bis sie sich am 07. Mai 2007 schließlich vergiftete und verstarb. Alexander litt stark unter dem Verlust und widmete seine Herbst-Winter Show 2007 an Isabella. Die Show trug den Namen La Dame Bleue. McQueen gestaltete die Show gemeinsam mit Hutdesigner Philip Treacy, welcher Isabella genau wie McQueen viele Erfolge zu verdanken hatte. Angelehnt an die Garderobe der Stylistin entstanden die Designs. Die Models selbst bewältigten einen Laufsteg geziert von riesigen Engelsflügeln, McQueen wünschte sich, dass Isabella Blow davonfliegen und Frieden finden konnte. 

Sein Abschied

Durch die Einführungen der neuen Linien McQueens befand er sich wieder unter demselben Druck, den er als Creative Director zweier Labels gleichzeitig empfand. Erneut war er verantwortlich für vierzehn Kollektionen pro Jahr. Ein Druck, welchem Alexander nicht mehr gewachsen war. Für ihn war allerdings auch klar, dass keiner jemals sein Label weiterführen könne, da niemand in der Lage sei, seine Schauen so darzustellen wie er. Platos Atlantis, die Frühjahresshow 2010, sollte auch seine Letzte sein. Die Idee war es, die Menschen zurück in das Meer zu schicken. Kameras sollten bei den Zuschauern zudem ein Gefühl von Bedrängen und Überwachen verursachen. Es war McQueens Interpretation einer Apokalypse und zeigte zudem seine Wahrnehmung des Klimawandels. Angelehnt an Darwins Evolutionstheorie aus dem 19. Jahrhundert schickte er Models, die dem Erscheinungsbild von Mischwesen ähnelten, über den Laufsteg. Sebastian Pons berichtete nach McQueens Tod, dass er damals die Idee hatte, wie bei Voss erneut eine Plexiglaskiste auf der Show zu platzieren. Diesmal sollte die Kiste menschengroß sein und aus dem Boden empor kommen. Alexander McQueen wollte sich selber, als Finale seiner Show, in dieser Kiste vor den Augen des Publikums erschießen. Mit dem Tod seiner Mutter Joyce am 02. Februar 2010 sollte sein Leben schließlich auch enden. Am Vorabend der Beerdigung nahm sich Lee Alexander McQueen in seiner Londoner Wohnung das Leben. Als Absicherung des Wohlergehens seiner geliebten Hunde, bat er in einem Abschiedsbrief seine Familie diese aufzunehmen. 

Das Vermächtnis McQueen

Doch auch nach seinem Tod ist der Designer noch lange nicht vergessen. 2011 widmete das New Yorker Metropolitan Museum Of Art ihm eine Ausstellung, welche den Namen Savage Beauty trug. Die Ausstellung erzielte Besucherrekorde und wurde zur meistbesuchten Modeausstellung der Welt. 2018 erschien der Dokumentarfilm Alexander McQueen, produziert von den britischen Regisseuren Ian Banhôte und Peter Ettedgui, die durch die Kooperation von Familie und Freunden McQueens ein umfassendes Porträt des Künstlers erschaffen konnten.
Vögel, die umherziehen, frei gleitend durch den endlosen Himmel. Ein Bild von Schönheit, welches McQueen auf Frauen bezog. Dabei ging es ihm nicht darum etwas Ästhetisches darzustellen, sondern eine Nachricht zu überbringen, ein Zeichen zu setzen. Sein Image war ihm egal, denn er brannte für das Handwerk. Er wollte den Zuschauern nicht lediglich etwas Schönes präsentieren, sondern sie zum Nachdenken anregen. Seine Schauen sollten das Publikum verängstigen, begeistern, verstören oder bewegen, solange sie eine Emotion auslösten, wusste Lee Alexander McQueen, dass er etwas Einzigartiges erschaffen hatte.